Wenn Väter zuerst beweisen müssen, dass sie für ihre Kinder sorgen können

Ich bin einer der wenigen Väter, die das Glück haben, zwar in der elterlichen Beziehung getrennt zu sein, aber trotzdem die Möglichkeit zu haben, ihre Kinder vollwertig erziehen zu dürfen. Wie es dazu kam, dass ich die volle Obhut meiner Kinder inne habe, spielt für diesen Bericht keine Rolle, denn ich möchte heute darüber berichten, wie schwer es (allein-)erziehende Väter haben können, ihre aktive Rolle in der Kindererziehung übernehmen zu dürfen und wie sie oft zuerst beweisen müssen, dass sie gute Erzieher sind, bevor man ihnen dieses Recht eingesteht.

Es ist wohl logisch, dass man einen beruflich engagierten und alleinerziehenden Vater heute noch nicht als ‚Normalfall‘ ansieht – schliesslich sind auch erst 15% der Trennungskinder in der in der Schweiz in der Obhut ihrer Väter. Wenn ich Menschen begegne, die nicht meinem engen Freundeskreis angehören, erlebe ich oft überraschte Reaktionen, die von Anerkennung bis Mitleid reichen. Leider erlebe ich aber auch immer wieder verdeckten oder sogar offenen Sexismus.

Anerkennung ist angebracht, sofern sie den alleinerziehenden und berufstätigen Vätern und Müttern gleichermassen entgegengebracht wird. Nur weil ich ein Mann bin, habe ich nicht mehr Anerkennung verdient – schliesslich machen 135’000 alleinerziehende Mütter in der Schweiz genau das gleiche und sie kämpfen gleichermassen dafür, ihren Kids eine beschützte und liebevolle Kindheit zu geben.

Mitleid verstehe ich dann schon weniger, denn es scheint tatsächlich, dass einige Menschen es als ‚unfairen Schicksalsschlag‘ empfinden, wenn ein Vater die Obhut seiner Kinder ‚übernehmen muss‘. Es scheint ihnen fast noch bemitleidenswerter, als wenn dies einer Mutter passiert (das sei ja die natürliche Verantwortung und Lebensaufgabe einer Mutter..). Ja, es ist für uns Alleinerziehende anstrengend, gleichzeitig eine Karriere zu verfolgen, einen Haushalt zu führen und Kinder zu erziehen, aber es ist keine Strafe, seine Kinder jeden Tag um sich herum zu haben und sie aufwachsen zu sehen. Im Gegenteil.

Leider erlebe ich als alleinerziehender Vater auch immer wieder mal Sexismus, der (sorry, aber ich erlebe es so) häufig von Müttern in meinem Alter oder älteren Menschen ausgeht, die in traditionellen Rollenverständnis steckengeblieben sind, oder die ihre alleinige Kompetenz als Mutter durch Männer wie mich angegriffen sehen. Das geht dann von Aussagen wie „aber ein Kind braucht doch seine Mutter!“ (wann habt ihr so etwas umgekehrt schon mal einer alleinerziehenden Mutter über Väter gesagt..?) bis hin zur Verdächtigung der Pädophilie, als ich mal erzählt hatte, dass sich meine Tochter nachts nach einem bösen Traum zu mir ins Bett gelegt hatte (wo soll denn mein Kind sonst hin?). Niemand würde wohl bei einer Mutter sexuellen Missbrauch in Betracht ziehen, wenn das umgekehrt passiert.

Es gibt übrigens auch in Erziehungsfragen Verschwörungstheoretiker, die denken, es MÜSSE ja etwas faul sein, wenn ein Vater die Obhut für seine Kinder erhält. Ich habe einen Nachbarn (Hoi G.K.! ;-)), der denkt noch nach fast 3 Jahren, ich hätte sämtliche Institutionen (KESB, Jugendzentrum, Gerichte und sogar die Polizei) und natürlich auch die Kinder während den letzten 3 Jahren so manipuliert, dass die Kinder fälschlicherweise in meine Obhut geraten wären. Wenn ich mit meinen Töchtern im Garten spiele und wir unsere Nachbarn grüssen, ruft mir G.K. vor den Kindern heute noch jedes Mal über den Zaun, ich könne die ganze Welt manipulieren – aber IHN nicht…! Für die Kinder ist das belastend, denn es unterstellt ihnen, dass sie die Wahrheit nicht sehen können und dass sie ein ‚falsches‘ Leben führen würden.

Ich denke, es braucht noch eine weitere Generation, bis Eltern als gleichwertig angesehen und ‚alternative‘ Rollenverteilungen nicht mehr als ‚alternativ‘ angesehen werden. Auch auf der institutionellen Seite besteht noch Bedarf – sei dies im Grossen (ich bekam damals genau 1 Tag Vaterschaftsurlaub bei der Geburt meiner Zwillinge) oder im Kleinen (ist es an einigen Schulen wirklich nicht möglich, Elterngesprächstermine ausserhalb der regulären Bürozeiten anzubieten, so dass auch berufstätige Väter teilnehmen können?). Eine befreundete Juristin hat mir zudem erzählt, dass das traditionelle Rollenverständnis sogar noch bis in die Gerichte fest verwurzelt sei, obwohl Gerichte verpflichtet sind, in jedem Fall einzig und allein im Sinne des Kindswohls zu entscheiden. Väter müssten vor Gericht oft zuerst beweisen, dass sie für ihre Kinder sorgen könnten, während dies bei Müttern einfach vorausgesetzt würde.

Heute müssen Väter also leider noch immer einen ‚Extra-Effort‘ leisten, um vollwertige Erziehungs- und Betreuungsaufgaben übernehmen zu können. Fairerweise muss aber auch gesagt werden, dass einigen Vätern diese Hürden vielleicht ziemlich gelegen kommen, um keine aktivere Rolle in der Kindererziehung übernehmen zu müssen und dass sie diese Hürden als Begründung anführen, um ihre Komfortzone nicht verlassen zu müssen. Warum sonst sehe ich auch an ElternABENDEN so wenige Väter? 

Schön ist es, wenn mir meine Töchter erzählen, dass ihre Schulkolleginnen und –kollegen überhaupt kein Problem damit haben, dass sie bei ihrem Vater leben. Einige finden das sogar „ziemlich cool“. Das Selbstverständnis, mit dem die Freunde meiner Kinder mit unserer Familiensituation umgehen, macht mir Mut, dass es in der zukünftigen Generation nur noch um elterliche Erziehung gehen wird, und es dann nicht mehr entscheidend sein wird, ob diese im Alltag vom Vater, der Mutter oder von beiden ausgeübt wird.