Der goldene Slime muss sein – in der Familie und im Business

slime

Als alleinerziehendes Elternteil ist man wohl meistens dazu gezwungen, in der Familie Prioritäten zu setzen. Bei mir ist das nicht anders. Meine Familienzeit ist durch die Arbeit begrenzt und durch die Trennung finanziere ich jetzt zwei Haushalte, was zwangsweise drastische Einschnitte beim Lebensstandard nach sich zieht. Als rationaler Mensch habe ich dann begonnen, Prioritäten zu setzen, wofür ich meine Zeit und das Budget der Familie einsetze. Ich habe zum Beispiel meinen Sportwagen gegen ein Hybrid-Auto eingetauscht, um Kosten zu sparen. Wir haben für dieses Jahr keine Ferien geplant und wir gehen auch nicht aus essen. Auch bei anderen kleinen Annehmlichkeiten ist es relativ einfach, die eigenen Wünsche zurück zu stellen, weil ich das grosse Ganze im Auge habe. Ich rechne meinen beiden Kindern hoch an, dass sie immer Verständnis haben, wenn ich ihnen einen Wunsch ausschlage, mit der Begründung, dass jetzt einfach nicht mehr alles möglich ist.

Gestern wurde mir aber klar, dass ich dabei die verschiedenen Perspektiven auf diese Prioritäten nicht genug beachtet habe, und dass ich eine bessere Balance zwischen rationalen und subjektiven Prioritäten finden muss. Meine Kinder wünschen sich zum Beispiel seit gut einem Monat einen goldenen ‚Slime‘, den man für wenig Geld im Internet bestellen kann. Ich muss vorausschicken, dass ich diese Slimes wirklich nicht mag. Sie riechen, kleben und das ganze Haus ist nach dem Spielen voller Glitzer… Rational gesehen, sind diese Slimes also keine Priorität und machen sie mir das Leben auch nicht leichter. Dem entsprechend habe ich mich über Wochen dagegen gewehrt, Geld für diese ’sinnlosen‘ Slimes auszugeben. Mir war nur schon meine Zeit zu kostbar, mich mit einem Online-Shop herumzuquälen, um sie zu bestellen. Ich habe den Kindern also immer wieder erklärt, dass ich wirklich keine Zeit hätte, diese Slimes zu bestellen, weil ich doch soviel anderes zu tun habe und ich zur Zeit Prioriäten setzen müsse. Die Kinder konnten/wollten natürlich gegen dieses Argument nicht ankämpfen, aber über die Wochen habe ich gemerkt, dass ihnen dieser goldene, glitzernde Slime wirklich viel bedeutet. Trotzdem blieb ich standhaft.

Bis jetzt. Gestern habe ich begriffen, dass meine Kinder durchaus in der Lage sind, meine Prioritäten nachzuvollziehen, aber das macht den Slime für sie irgendwie nicht weniger wichtig. Lustigerweise wurde mir das nicht Zuhause klar, sondern im Geschäft, als ich dort eine Projektpriorisierung vornahm. Ich musste eine Auswahl von Projekten treffen, damit ich die finanziellen und zeitlichen Ressourcen meiner Abteilung nicht überlaste. Und bei dieser Priorisierung habe ich einen Mix von Projekten gewählt: Solche, welche vom Management gefordert werden und solche, bei denen meine Mitarbeiter die Initianten sind. Grosse Brocken, die mit viel Fleiss und ohne ‚Excitement‘ erledigt werden müssen, aber auch kleine, coole Projekte, bei denen man seine Leidenschaft ausleben kann. Obwohl diese kleinen Projekte vielleicht nicht ganz so viel Nutzen bringen, fördern sie die Motivation der Mitarbeiter, um sich auch an die grossen, mühsamen Brocken zu machen.

Im Geschäft ist mir dieses Prinzip absolut klar – ich hatte nur vergessen, es auch Zuhause anzuwenden. Aber jetzt weiss ich: Meine Kinder brauchen diesen goldenen, glitzernden Slime wirklich! Er ist eine Priorität und nötig, damit sie die Motivation behalten, all die anderen Einschränkungen mit mir weiter zu tragen. Ich habe gestern abend also zwei goldene Slimes für meine Kinder bestellt und werde mir merken, dass es verschiedene Perspektiven auf Prioritäten gibt und dass ich deren Balance nicht ausser acht lassen darf. Diese kleinen Dinge sind oft Gold wert.

Trennung & Kindsobhut: Wie sag ich’s meinem Arbeitgeber?

Das Scheitern einer Ehe ist nicht leicht, einzugestehen. Weder sich selber gegenüber, noch den Menschen gegenüber, mit denen man viel Zeit verbringt. Am Arbeitsplatz ist das nicht anders, als privat, denn oft sind Vorgesetzte, Kollegen und Mitarbeiter mit dem Zivilstand und der Kindersituation vertraut. So stellt sich die Frage, ob, wie und wann man sein Arbeitsumfeld über Veränderungen im privaten Bereich informieren soll/darf.

Für mich stellte sich diese Frage im Laufe des letzten Jahres, nachdem ich den Beschluss gefasst hatte, die Trennung einzuleiten und die Obhut der Kinder zu beantragen. Die private Situation war für mich persönlich natürlich belastend, aber ich ging davon aus, dass am Arbeitsplatz niemand bemerkt hatte, in welcher Situation ich mich Zuhause befand – nicht zuletzt, weil ich dort nicht über meine Eheprobleme gesprochen hatte. Ich vertrat die Meinung, dass mich meine Mitarbeiter und Vorgesetzten ja eigentlich nie anders gekannt hatten, als mit privaten Eheproblemen, weil sich diese bei mir schon über viele Jahre hingezogen. Und jetzt, wo sich ein Ende der belastenden Ehesituation abzeichnete, wollte ich nicht, dass man plötzlich meine Leistungsfähigkeit in Frage stellte. Ich hatte in den letzten Jahren – trotz Problemen – ja eine gute Leistung erbracht und war sogar befördert worden!

Während die Jahre vor der Trennung sicher die schwierigsten waren, war die Phase zwischen Einleitung der Trennung und dem Entscheid über die Obhut der Kinder sicher diejenige, in der ich selber am meisten verunsichert war. Und diese Verunsicherung wollte ich nicht weiter nach aussen tragen, als meinem engsten Familien- und Freundeskreis.

Ich wollte den Zeitpunkt sorgfältig wählen, wann ich mein Arbeitsumfeld informierte. Mir war es wichtig, dass dieser Zeitpunkt dann war, wenn sich der Weg in die zukünftige Lebenssituation mit den Kindern klar abzeichnet. Als die räumliche Trennung von meiner Frau dann kam und die Kinder bei mir wohnten, musste ich dann aber meine Präsenzzeiten am Arbeitsplatz etwas anpassen. Ich konnte nicht mehr so früh im Büro sein, weil ich Zuhause sein musste, bis die Kinder morgens aus dem Haus waren. Ich musste auch einen 1-Mann-Kinderbetreuungsplan ausarbeiten, der vorsah, dass ich etwas häufiger von Zuhause aus arbeiten würde – zum Beispiel mittwochs, wenn die Kinder nachmittags schulfrei haben.

Meine grösste Sorge war, dass meine private Situation die Wahrnehmung meiner Leistungsfähigkeit am Arbeitsplatz beeinflussen würde. Das schlimmste, was ich mir in Bezug auf meinen Vorgesetzten und meine Mitarbeiter vorstellen konnte, war, dass sie ihre Erwartungen mir gegenüber aus Rücksicht auf meine private Situation zurücknehmen würden und sich so – ohne mein Zutun – die Wahrnehmung meiner Leistung verändern würde. Versteht mich bitte nicht falsch – ich stelle das Wohl meiner Kinder und meine diesbezügliche Verantwortung jederzeit über meine persönlichen Karriereziele, aber ich bin fest davon überzeugt, dass beides möglich ist: Ein guter Vater sein und eine Karriere verfolgen. Nicht zuletzt habe ich auch eine Verantwortung gegenüber meinen Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die sich auf einen starken und Chef verlassen.

Ich beschloss dann, meinen direkten Vorgesetzten sowie meine direkten Untergebenen zu informieren zum Zeitpunkt, an dem ich effektiv alleinerziehend war und die Kinderbetreuung alleine bewerkstelligte. Die Trennung an und für sich und vor allem der Grund für die Trennung waren dann auch viel weniger Thema, als die organisatorischen Details (einen halben Tag mehr Home Office als vorher).

Meinem Vorgesetzten gegenüber bestand ich darauf, zuerst sein Versprechen zu erhalten, dass er den Druck auf mich nicht verringern würde, bevor ich ihm von der Trennung und der Kindsobhut erzählte. Ich sagte ihm dann:

„Wenn du zufrieden warst mit meiner Leistung der letzten Jahre, dann kann ich dir versichern, dass sich diese Leistung in der kommenden Zeit eher erhöhen wird, denn ab jetzt stellen sich mir nur noch organisationelle Herausforderungen und keine emotionale Belastungen mehr. Denn die schwierigste Zeit liegt hinter mir. „

Ich wollte um jeden Preis verhindern, dass mir Mitleid entgegen gebracht wurde und dass dann meine private Situation in jedem beruflichen Meeting Thema sein würde. Nun, im nachhinein verlangte ich da wohl etwas zu viel von meinem Chef und meinen engsten Arbeitskolleginnen und -kollegen. Wenn ich heute reflektiere, kann ich nachvollziehen, dass seine erste natürliche Reaktion nichts anderes als Mitleid sein konnte. Wenn man unvorbereitet mit einem tragischen Schicksal eines Mitarbeitenden konfrontiert wird – vor allem wenn auch noch Kinder involviert sind – dann muss man als Mitarbeiter halt auch dem Chef und den MitarbeiterInnen die Gelegenheit geben, diese Geschichte zu verdauen.

Damals aber ärgerte ich mich aber im ersten Moment, dass mein Chef mir sagte, wie leid es ihm tun würde. Er war im ersten Moment sichtlich geschockt und in den folgenden paar Meetings fragte er jeweils, wie es mir Zuhause ginge. Ich sah aber auch, dass er rasch wieder Vertrauen fasste, als er merkte, dass meine Leistungsfähigkeit und mein Optimismus nicht unter der neuen familiären Situation litten. Ich bin meinem Chef deshalb noch heute dankbar, wie er menschlich reagierte und gleichzeitig meinen Wunsch respektierte, dass meine persönliche Lebenssituation keinen Einfluss auf meine Zusammenarbeit mit ihm haben soll.

Gegenüber dem Rest der Firma und dem restlichen Team sprach ich erst offen über meine private Situation, als ich 6 Monate als alleinerziehender Vater mit Kids und Karriere erfolgreich hinter mich gebracht hatte. Das half mir, Sicherheit auszustrahlen und dem Team zu zeigen, dass die Welt nicht untergegangen und die Situation auch nicht mehr neu ist. Ich denke, es war auch für das Team einfacher, eine gegebene und seit längerem bestehende Situation zu verdauen, als eine ‚Developing Story‘ mit unsicherem Ausgang verfolgen zu müssen.

Warum einfach, wenn es auch schwierig geht…

Hast du dein Leben als alleinerziehender Vater oder als alleinerziehende Mutter gerade so richtig schön im Griff? Die Kinder sind in der Spur? Der Haushalt auch? Achtung, wiege dich nicht in Sicherheit, denn diese Situation kann dazu führen, dass du plötzlich auf Ideen kommst, die dich völlig unnötig aus der Bahn werfen! Mir ist das so an den Feiertagen passiert. Alles lief toll und die freien Tage erlaubten es mir, dass ich auch mal die Seele für ein paar Stunden baumeln lassen konnte. Ich war nur ein bisschen einsam und ich hatte etwas geistige und zeitliche Kapazität übrig, als die unheilvolle Idee plötzlich Besitz von mir nahm. Wäre es nicht schön, wenn immer jemand Zuhause auf einen warten würde? Jemand, der der dich liebt und dir die dunklen Winternächte versüsst. Nein, keine Freundin – eine Katze! Am besten zwei, damit sich die eine nicht so alleine fühlt!

Wie um alles in der Welt kann man so dumm sein und im Rausch (oder doch in der Einsamkeit?) der Feiertage plötzlich alles aufs Spiel setzten, was man gerade erreicht hat!? Aber es war zu spät. Die Katzen-Idee war da und sie liess mich alles rationale und vernünftige Denken vergessen. Denn das vernünftige ‚Ich‘ hätte gesagt: „Hast du sie nicht mehr alle!? Wie kannst du dein Leben freiwillig komplizierter machen!?“

Aber nun sind sie da, Mäxx und Shiva – zwei herzige junge Kätzchen, 6 Monate alt und zuckersüss. Mit den beiden sind aber lieder auch Dreck, Gestank von der Katzentoilette, Unordnung, kaputte Vorhänge, Tierarztkosten, Tierfutter und ein ständiges Türschleusensystem (sie dürfen noch nicht raus) eingezogen! Meine ganze Familienorganisation wurde über den Haufen geworfen! Die Kinder wollen jetzt mit den Kätzchen spielen, anstatt Hausaufgaben zu machen und ich muss jetzt einen Katzensitter engagieren, wenn ich auch nur einen einzigen Tag weg bin. Also alles Dinge, die ein alleinerziehender Vater nicht gebrauchen kann und alles, was das Leben komplizierter macht.

Und trotzdem: heute abend sitze ich auf dem Sofa und habe zwei schnurrende Lieblinge an meiner Seite (ich meine jetzt nicht die Kinder und auch immer noch keine Freundin) und lächle vor mich hin. Wunderschön :-).